Staedtbaulicher Fehler

Stadtgalerie Velbert – nicht alles toll, doch Fehler machen klug

Wenn in meiner Stadt gross gebaut wird, bin ich als Fachmann natürlich auch neugierig. Heute hatte ich endlich die Gelegenheit, mir das neue Einkaufszentrum in Velbert anzusehen. Die Stadtgalerie Velbert ist ein neues innerstädtisches Shopping-Center. Fertigstellung und Inbetriebnahme war im Mai 2019. Nach vielen Jahren der Projektentwicklung einigten sich schliesslich Investoren und Stadt auf eine gemeinsame Linie. Mit Vorfreude fieberten die Velberter der Eröffnung entgegen, denn besonders das Modeangebot war in der Fußgängerzone nicht allzu groß. Besinders junge Kunden freuen sich daher über die Erweiterung des Angebotes. Sogar ein Lebensmittelmarkt hat als Nahversorger wieder einen Weg in die Innenstadt gefunden. Lokale Presse und Konsumenten loben den gelungenen Impuls für den Einzelhandel! Das zusätzliche Angebot wird die Innenstadt bereichern und mehr Menschen zum Shoppen nach Velbert bringen. Das ist sehr erfreulich.

Kritik an Bauplanung und Bauausführung fehlt

Nicht ganz so erfreulich ist der Blick durch die Brille des Bauexperten: Was in Velbert realisiert wurde, finde ich stellenweise erschreckend. Als Architekt und Baufachmann kann ich mir nicht erklären, wie es zu einer so großen Anzahl offensichtlicher Fehler kommen konnte. Leider gibt es in der lokalen Presse dazu kein Echo. Mit keiner Silbe werden städtebauliche Mängel thematisiert. Dass die Ausführungsqualität augenscheinlich unterdurchschnittlich ist und das Gebäude noch immer nicht fertiggestellt (26.7.2019) ist, wird da zur Nebensache. Die Velberter Kunden haben natürlich nicht das „Auge“ für solche Bauthemen. Wo aber sind die Stimmen der örtlichen Baufachleute? Kann es sein, dass man sich ein wenig vor den medialen Karren des Projektentwicklers spannen lässt? Ich nehme das zum Anlass, mich als Bürger und Baufachkundiger kritisch mit dem Projekt auseinanderzusetzen und mein Fremdschämen für diese „Leistung“ zu kompensieren. Die Missstände benenne ich, um daraus zu lernen.

Unglückliche Kommunikation – Eröffnung wurde mehrfach verschoben

Im Einzelhandel gibt es ein ungeschriebenes Gesetzt: Neueröffnungen müssen vor dem Oster- bzw. Weihnachtsgeschäft erfolgen, denn das sind im Handel die umsatzstärksten Zeiten. So war das ursprüngliche Ziel die Eröffnung vor dem Ostergeschäft. Dieser Termin konnte jedoch nicht gehalten werden. Für Fachleute ist das ein echtes Problem! Einzelhändler, die einen neuen Standort beziehen, schultern erhebliche finanzielle Risiken: Werden die neuen Flächen angenommen? Kommen genug Kunden ins Center? Ziehen die benachbarten Einzelhändler ebenfalls Kunden an? Die sogenannte Kundenfrequenz ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Jeder Einzelhändler muss seine alte Mietfläche kündigen und den Umzug organisieren. Die Verschiebung der Neueröffnung kann teuer werden! Das Problem musste kommuniziert werden, denn schließlich wartet eine ganze Stadt nach jahrelangen Bauarbeiten auf den Startschuss. Die betreffende Pressemitteilung ist in meinen Augen eine Unverschämtheit und ein gutes Beispiel für misslungene Kommunikation. O-Ton des Projektentwicklers (!): „Mit der Eröffnung der Stadtgalerie ist es wie mit dem Brexit. Sie wird öfter mal verschoben. Der Unterschied ist, bei der Stadtgalerie kommt am Ende was Tolles raus. Das dies beim Brexit so ist, glaubt nur Boris Johnson…“

Hä? Was hat die mehrfach verschobene Eröffnung mit der Meinung von Boris Johnson (und der Mehrheit der britischen Wähler) zu tun? Für Bauprofis ist jeder Bauverzug schlichtweg peinlich! Bleibt das gebaute „tolle“ Ergebnis dann noch hinter den Erwartungen zurück, entsteht Realsatire. Schlaue Kommunikation geht anders, oder?

Städtebaulich problematisch und fehlender Bezug zur Umgebungsbebauung

Planungsfehler

Städtebau-Fehler an der Kolpingstrasse: Es ist keine Geschmacksfrage, die monströse Zentraltechnik thront bedrohlich auf dem Dach der Anlieferung. Ist das „toll“? Gab es keine bessere bauliche Lösung? Ist die Silhouette der Gebäude an der Kolpingstrasse dem Ort angemessen? Die Nachbargebäude und die Kirche direkt gegenüber werden durch das neue Ensemble entwürdigt. Die Fassadengestaltung lässt kein klares Konzept erkennen und die städtebauliche Situation hat sich durch den Neubau nicht verbessert. Leider ist es weder dort, noch an der Corbygasse gelungen, die alte Situation zu verbessern. Von „toller“ architektonischer Gestaltung ist nur wenig zu erkennen – stattdessen pure Tristesse. Ein Gestaltungsbeirat, so wie es ihn in vielen Städten inzwischen gibt, wäre in diesem Fall hilfreich gewesen. Velberter Architekten plädierten übrigens schon vor 10 Jahren für die Installation dieses Gremiums.

Fassade an der Corbygasse am 26.7.2019: Ist die Stadtplanung mit dem Ergebnis zufrieden? Hat die Genehmigungsbehörde und die Politik das so gewollt? Warum werden gestalterische Fassadenverkleidungen nicht um Gebäudeecken herumgezogen, damit diese nicht „aufgeklebt wirken? Warum wurde die Fassade des Centers nicht zur Corbygasse hin geöffnet, um einen Außenbezug herzustellen? Das hätte diese wichtige Wegeverbindung aufgewertet. Warum werden haustechnische Anlagen auf dem Dach nicht verkleidet oder so platziert, dass sie für den Passanten unsichtbar bleiben? Die Corbygasse hat schon unter der alten baulichen Situation gelitten. Die Dienstleistungs- und Handelsflächen im EG der bestehenden Gebäude sind nie richtig aus den Puschen gekommen, weil sich auf der gegenüberliegenden Seite nur „Rückseite“ war. Dieser Fehler wurde durch den „tollen“ Neubau nun wiederholt – schade. Offenbar gab es kein Interesse an nachbarschaftlichen oder städtebaulichen Belangen. So wurde auch in Velbert das Einkaufscenter zu einem städtebaulichen Autisten. Bleibt die Hoffnung, dass die fehlenden Außenanlagen in der Corbygasse (Pflaster, Aussenmöbel und Bäume) die „Betonwüste“ baldmöglichst ersetzen, um den Außenraum adäquat herzurichten. So kann es jedenfalls nicht bleiben.

Der Eingang zum Center an der Kolpingstrasse: Wie sollen hier gehbehinderter Kunden oder Eltern mit Kinderwagen ins Gebäude kommen? Ist das „toll“? Auch aus dieser Perspektive springt die unschöne Haustechnikzentrale auf dem Dach ins Auge und das verzinkte Schiebetor zur Anlieferung macht kein gutes Bild. Da helfen auch nicht die aufgeklebt wirkenden „Applikationen“ auf den Außenwänden. Vermutlich sollten diese optisch gliedernd wirken und den „Mauer-Effekt“ abmildern. Ein gestalterischer Kniff, der hier eher beliebig wirkt. Bleibt zu hoffen, dass die engagierten Einzelhändler – einige sind ja aus der Fußgängerzone ins Center gezogen – nicht unter den konzeptionellen Schwächen leiden.

Ideen für Fuckup Stories – in Zukunft Fehler vermeiden

Fehler … shit happens. Hoffentlich funktioniert die Drainage an der Notausgangstüre zur Kolpingstrasse. Hier liegt das Niveau OKFF (Oberkante Fertigfußboden) im Treppenhaus etwa 15 cm unter dem außenliegenden Gehweg. Es wäre interessant zu erfahren, wie dieser Fehler passieren konnte. Lag es an der Einmessung der Geländehöhen oder wurden OKRB (Oberkante Rohboden) und OKFF (Oberkante Fertigfußboden) verwechselt? Wie auch immer. Nur durch eine Absenkung des Gehweges konnte die Funktionsfähigkeit des Ausgangs gesichert werden. Dies führt zur Ausbildung einer Mulde / Vertiefung vor der Außentür, in der sich nun Regenwasser sammeln kann, dass vom Gehweg und der Fassade zuläuft. Wenn die Rinne verstopft, besteht die Gefahr, dass Wasser ins Gebäude eindringen kann.

An dieser Stelle, einer Gebäudeecke auf dem Forumsplatz, liegt der Boden und die Hauptfassade unter dem Höhenniveau des Forumsplatzes. Möglich, dass sich wegen des Provisoriums die endgültige Situation noch nicht ablesen lässt. Es könnte sich allerdings auch um einen Fehler handeln, der in der Planung entstanden ist. Normalerweise lassen sich Unterschiede von Innen- und Außenhöhen schon in der BIM-Planung sehr genau erkennen.

Liebe Architekten und liebe Projektentwickler, macht endlich fertig!

Wir werden sehen, was am baulichen Ergebnis noch optimiert wird und wie das gesamte Projekt nach der wirklichen Fertigstellung ausschaut. Wir werden sehen, ob die gesamte Infrastruktur und die Erschließung reibungslos funktioniert. Ich jedenfalls wünsche allen Beteiligten ein glückliches Händchen bei den Abschlussarbeiten. Es wird langsam Zeit! Besonders für die vielen engagierten Händler muss das Bauprojekt nun schnellstmöglich komplett fertiggestellt werden. Es gibt einfach noch immer zu viele optische und tatsächliche Barrieren, die auf Kunden abschreckend wirken und damit umsatzschädlich sind. Das Parkhaus, die Zugänge und das gesamte äußere Erscheinungsbild wirkt überhaupt nicht einladend. Hält dieser bauliche Zustand noch längere Zeit an, dann wird das Image der ganzen Stadt leiden. Das wäre nicht gut für Velbert.

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