Staedtbaulicher Fehler

Stadtgalerie Velbert – nicht alles toll, doch Fehler machen klug

Wenn in meiner Stadt groß gebaut wird, bin ich als Baufachmann natürlich neugierig. Heute hatte ich endlich Gelegenheit, mir das neue Einkaufszentrum in Velbert anzusehen. Die Stadtgalerie Velbert ist ein innerstädtisches Shopping-Center. Fertigstellung und Inbetriebnahme war im Mai 2019. Nach vielen Jahren der Projektentwicklung einigten sich einst Investoren und Politik auf eine gemeinsame Linie. Mit Vorfreude fieberten die Velberter dann der Eröffnung entgegen, denn gerade das Modeangebot war in unserer Fußgängerzone begrenzt. So freut sich auch das junge Publikum über die neue Situation. Sogar ein Lebensmittelmarkt wurde angesiedelt! Lokale Presse und Konsumenten loben den Impuls für den Einzelhandel: Die Stadtgalerie verlockt zum Shoppen in Velbert.

Kritik an der Bauplanung und Bauausführung fehlt

Leider ist der Blick durch die Brille des Bauexperten nicht so erfreulich: Was im Herzen Velberts entstanden ist, lässt an vielen Stellen zu Wünschen übrig. Als gelernter Architekt ist es mir unerklärlich, wie es zu so vielen offensichtlichen Planungsfehlern kommen konnte. Zum Beispiel wurde jahrelang – im Zusammenhang mit dem Neubau des Einkaufszentrums – um den Erhalt der Villa Herminghaus gerungen. Nach vollmundigen Ankündigungen, findet man dort heute eine städtebauliche Grausamkeit erster Güte: Direkt am historischen Eingang zur Villa befindet sich die Parkplatzzufahrt des Lebensmitteldiscounters (s.h. Bild oben). Bleibt abzuwarten, wie der „repräsentative Eingang“ des geplanten Anbaus das korrigieren wird. Mit keiner Silbe geht die lokale Presse darauf ein. Dass die Ausführungsqualität augenscheinlich unterdurchschnittlich ist und das Gebäude weder fertiggestellt, noch baurechtlich abgenommen ist, wird da fast zur Nebensache. Natürlich haben Velberter Kunden nicht das „Auge“ für Bauthemen. Wo aber sind die Stimmen der örtlichen Baufachleute? Was sagt das Baudezernat dazu? Kann es sein, dass man sich vor den medialen Karren des Projektentwicklers spannen lässt oder duckt sich hier auch die Politik weg? Ich jedenfalls möchte nicht schweigen und setze mich als Bürger und Baukundiger kritisch mit dem Projekt auseinander – auch um mein Fremdschämen für die planerische Schlechtleistung zu verarbeiten. Der mäßige Ruf der Bau- und Planungsbranche wird durch die Stadtgalerie in Velbert bestätigt. Aber was nützt das Jammern, schauen wir nach vorne und lernen wir daraus für die Zukunft.

Unglückliche Kommunikation – Eröffnung wurde mehrfach verschoben

Im Einzelhandel gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Neueröffnungen müssen vor dem Oster- bzw. Weihnachtsgeschäft erfolgen, denn das sind im Handel die umsatzstärksten Zeiten. So war das ursprüngliche Ziel die Eröffnung vor dem Ostergeschäft. Dieser Termin konnte nicht gehalten werden. Fachkundige wissen: das ist ein echtes Problem! Einzelhändler, die einen neuen Standort beziehen, schultern erhebliche finanzielle Risiken: Werden die neuen Flächen angenommen? Kommen genug Kunden ins Center? Ziehen die benachbarten Einzelhändler ebenfalls Kunden an? Die sogenannte Kundenfrequenz ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Jeder Einzelhändler muss seine alte Mietfläche kündigen und den Umzug organisieren. Die Verschiebung einer Neueröffnung kann teuer werden… Nun musste das Problem kommuniziert werden, denn schließlich wartet eine ganze Stadt nach jahrelangen Bauarbeiten auf den Startschuss. Die betreffende Pressemitteilung ist in meinen Augen eine Unverschämtheit und ein gutes Beispiel für misslungene Kommunikation. O-Ton des Projektentwicklers (!): „Mit der Eröffnung der Stadtgalerie ist es wie mit dem Brexit. Sie wird öfter mal verschoben. Der Unterschied ist, bei der Stadtgalerie kommt am Ende was Tolles raus. Das dies beim Brexit so ist, glaubt nur Boris Johnson…“

Hä? Was hat die mehrfach verschobene Eröffnung mit der Meinung von Boris Johnson (und der Mehrheit der britischen Wähler) zu tun? Für echte Profis ist jeder Bauverzug schlichtweg peinlich! Leider ist das Ergebnis alles andere als „toll“. Die Pressemitteilung beleidigt jeden halbwegs-informierten Leser. War das Satire? Gute Kommunikation geht jedenfalls anders.

Städtebaulich problematisch und fehlender Bezug zur Umgebungsbebauung

Planungsfehler

Städtebau-Fehler an der Kolpingstrasse: Es ist keine Geschmacksfrage, die monströse Zentraltechnik thront bedrohlich auf dem Dach der Anlieferung. Ist das „toll“? Gab es keine bessere bauliche Lösung? Ist die Silhouette der Gebäude an der Kolpingstrasse dem Ort angemessen? Nein. Die Nachbargebäude und die Kirche direkt gegenüber werden durch das neue Ensemble entwürdigt. Die Fassadengestaltung lässt kein Konzept erkennen. Scheinbar willkürlich und ohne Rücksicht auf Proportionen sind hier Außenwände mit klobigen Material-Applikationen getarnt. Leider ist es weder dort, noch an der Corbygasse gelungen, die alte Situation zu verbessern. Von „toller“ architektonischer Gestaltung ist nichts zu sehen – stattdessen pure Tristesse. Ein Gestaltungsbeirat, so wie es ihn in vielen Städten inzwischen gibt, hätte vielleicht das Schlimmste verhindert. Velberter Architekten plädierten übrigens schon vor 10 Jahren für die Installation dieses Gremiums…

Fassade an der Corbygasse am 26.7.2019: Ist die Stadtplanung mit dem Ergebnis zufrieden? Hat die Genehmigungsbehörde und die Politik das so gewollt? Wenn schon „nur“ Scheinverkleidungen angebracht werden, warum werden diese nicht wenigstens um Gebäudeecken herumgezogen, damit sie nicht „aufgeklebt wirken? Warum wurde die Fassade nicht zur Corbygasse hin geöffnet, um Außenbezüge herzustellen? Das hätte diese wichtige innerstädtische Wegeverbindung aufgewertet. Warum werden haustechnische Anlagen auf dem Dach nicht verkleidet oder so platziert, dass sie für Passanten unsichtbar bleiben? Die Corbygasse hat schon unter der alten baulichen Situation gelitten. Die Dienstleistungs- und Handelsflächen im EG der bestehenden Gebäude sind nie richtig aus den Puschen gekommen, weil auf der gegenüberliegenden Seite nur „Rückseite“ war. Dieser Fehler wurde durch den „tollen“ Neubau nun wiederholt – schade. Offenbar gab es weder Interesse an Synergien, noch an städtebaulichen Belangen. Somit ist auch in Velbert das Center ein städtischer Autist. Bleibt die Hoffnung, dass die fehlenden Außenanlagen in der Corbygasse (Pflaster, Aussenmöbel und Bäume) die „Betonwüste“ baldmöglichst ersetzen, um den Außenraum adäquat herzurichten. So kann es jedenfalls nicht bleiben.

Der Eingang zum Center an der Kolpingstrasse: Wie sollen hier gehbehinderter Kunden oder Eltern mit Kinderwagen ins Gebäude kommen? Ist das „toll“? Auch aus dieser Perspektive springt die unschöne Haustechnikzentrale auf dem Dach ins Auge und das verzinkte Schiebetor zur Anlieferung macht kein gutes Bild. Da helfen auch nicht die aufgeklebt wirkenden „Applikationen“ auf den Außenwänden. Vermutlich sollten diese optisch gliedernd wirken und den „Mauer-Effekt“ abmildern. Ein gestalterischer Kniff, der hier eher beliebig wirkt. Bleibt zu hoffen, dass die engagierten Einzelhändler – einige sind ja aus der Fußgängerzone ins Center gezogen – nicht unter den konzeptionellen Schwächen leiden.

Ideen für Fuckup Stories – in Zukunft Fehler vermeiden

Fehler … shit happens. Hoffentlich funktioniert die Drainage an der Notausgangstüre zur Kolpingstrasse. Hier liegt das Niveau OKFF (Oberkante Fertigfußboden) im Treppenhaus etwa 15 cm unter dem außenliegenden Gehweg. Es wäre interessant zu erfahren, wie dieser Fehler passieren konnte. Lag es an der Einmessung der Geländehöhen oder wurden OKRB (Oberkante Rohboden) und OKFF (Oberkante Fertigfußboden) verwechselt? Wie auch immer. Nur durch eine Absenkung des Gehweges konnte die Funktionsfähigkeit des Ausgangs gesichert werden. Dies führt zur Ausbildung einer Mulde / Vertiefung vor der Außentür, in der sich nun Regenwasser sammeln kann, dass vom Gehweg und der Fassade zuläuft. Wenn die Rinne verstopft, besteht die Gefahr, dass Wasser ins Gebäude eindringen kann.

An dieser Stelle, einer Gebäudeecke auf dem Forumsplatz, liegt der Boden und die Hauptfassade unter dem Höhenniveau des Forumsplatzes. Möglich, dass sich wegen des Provisoriums die endgültige Situation noch nicht ablesen lässt. Es könnte sich allerdings auch um einen Fehler handeln, der in der Planung entstanden ist. Normalerweise lassen sich Unterschiede von Innen- und Außenhöhen schon in der BIM-Planung sehr genau erkennen.

Liebe Architekten und liebe Projektentwickler, macht endlich fertig!

Wir werden sehen, was am baulichen Ergebnis noch optimiert wird und wie das gesamte Projekt nach der echten Fertigstellung ausschaut. Wir werden sehen, ob die gesamte Infrastruktur und die Erschließung reibungslos funktioniert. Aber irgendwie geht es mit der Baustelle nicht weiter. Warum ist das so? Es wird langsam Zeit! Besonders für die engagierten Einzelhändler muss das Projekt schnellstmöglich komplett fertiggestellt werden. Es gibt einfach noch immer zu viele optische und faktische Barrieren, die auf Kunden abschreckend wirken und damit umsatzschädlich sind. Das Parkhaus, die Zugänge und das gesamte äußere Erscheinungsbild wirkt nicht einladend. Hält dieser bauliche Zustand noch längere Zeit an, dann wird das Image leiden. Das wäre auch nicht gut für Velbert.

Wann wird die Stadtgalerie Velbert endlich fertig? Eingang Forum

Wann wird die Stadtgalerie Velbert endlich fertig? Parkhaus

Wann wird die Stadtgalerie Velbert endlich fertig? Eingang Anlieferung Forum

Wann wird die Stadtgalerie Velbert endlich fertig? Brücke Parkhaus

 

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