Baukunst – ist der Architekt Künstler oder Dienstleister?

Sind Architekten Dienstleister oder eher Künstler? Die selbstgewählte Rolle beeinflusst die Arbeitsweise und die Kommunikation. Architekten gelten als die Schöpfer von Baukunst. Das hat Folgen für die gesamte Berufsgruppe der Architekten und Innenarchitekten. Der Artikel verdeutlicht die negativen Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Bauherr und Planer. Das Bild vom Baukünstler ist keine gute Basis für Vertrauen. Dabei wird Vertrauen in der VUCA-Welt immer wichtiger. Vertrauen ist eine sichere Bank gegen die allgegenwärtige Informationsflut und muss besonders am Anfang gut gepflegt werden. Schlechte Kommunikation und falsche Haltungen sind Vertrauenskiller. Im Text werden Beispiele dafür mit diesem Symbol 🎭 markiert.


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Künstler Dienstleister


Baukunst – was ist ein Künstler?

Was ist ein Künstler? Künstler erschaffen Werke – Musik, Bilder, Bauwerke. Diese sollen in der Regel einen Zweck erfüllen und beim Publikum etwas bewirken: Musik entspannt, ein Bild dekoriert oder vermittelt eine Aussage und ein Gebäude dient dem Komfort und erhöht die Lebensqualität – man braucht nicht zwangsläufig für alles ein Gebäude.

Architekten sehen sich dabei gerne als Baukunst-Schaffende. Ob Architekten diesem Anspruch gerecht werden, ist fraglich, weil sie nur einen kleinen Teil beitragen.

Künstler wollen die Welt verbessern und ihr Publikum sind immer Menschen. Künstler sind für unsere Gesellschaft also von großer Bedeutung! Ihnen werden allerdings auch einige zweifelhafte Eigenschaften nachgesagt: sie seien arrogant, exzentrisch, eigenbrötlerisch, launisch, umtriebig, arm, leidenschaftlich, chaotisch, promiskuitiv, narzisstisch oder cholerisch. Stimmt das wirklich? Vielleicht sind es nur Klischees, die vom Neid der Normalen genährt werden. Nichtsdestotrotz üben die Vorstellungen auf viele Menschen eine gewisse Anziehungskraft aus. Ein Künstlerleben ist anscheinend etwas Besonderes.

Architekten sind keine Künstler

Was ist Kunst? Laut Wikipedia ist sie ein menschliches Kulturprodukt und das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht am Ende dieses Prozesses und die Ausübenden werden Künstler genannt. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Kunst, die sich als Gegensatz zur Natur auf alle Produkte menschlicher Arbeit bezieht, hat sich erhalten (wie z.B. Kunststoff).

Was ist ein kreativer Prozess? Wikipedia schreibt: Im kreativen Prozess geht es darum, ein reales Ergebnis aus der Kombination von Ordnung und Chaos zu schaffen. Ordnung bedeutet Zwang, Gesetz, Berechnung, logisches und konvergentes Denken. Chaos steht für Freiheit, Zufall, Spontanität und divergentes Denken.

Ein Kunstwerk ensteht also durch einen kreativen Prozess, der gleichzeitig durch Chaos und Ordnung geprägt ist. Damit die Kombination gelingt, braucht es zusätzlich ein Ökosystem mit Kreisläufen, Rückkopplungen, Kommunikation und Selbstorganisation (Artikel agiles Arbeiten).

Fazit: Wenn ein Kunstwerk das Ergebnis von Prozessen eines Ökosystems ist, dann ist nicht der Architekt, sondern das Ökosystem der eigentliche Künstler. Es ist folglich falsch, wenn eine Berufsgruppe für sich in Anspruch nimmt, Schöpfer von Baukunst zu sein. Es ist Zeit umzudenken! 

Künstler haben etwas Besonderes in sich: das Kind

Picasso sagte: Jedes Kind ist ein Künstler. Die Schwierigkeit besteht darin, als Erwachsener ein Künstler zu bleiben. Es heißt, Künstler nehmen sich auch im Alltag Zeit, ihre kindliche Seite auszuleben 🎭, intuitiv zu handeln und auf Entdeckungsreise 🎭 zu gehen. Die besten Ideen finden sie vor der eigenen Haustür, solange sie nur die Augen offen halten. Durch die natürliche Neugier 🎭 entwickeln Künstler sich aus sich heraus und kreieren so am Ende Trends. Kunst ist Innovation und Künstler sind die Innovatoren.

Positive Menschen und das Gefühl der Zustimmung

Künstler umgeben sich mit Menschen, die ihre Ideen ernst nehmen – sie bewegen sich gerne in einer Community. Unter positiv denkenden Menschen fühlen sie sich wohl. Sie meiden Mitmenschen 🎭, die aus persönlichen Gründen die Umsetzung ihrer Ideen ablehnen. Sie ignorieren nachvollziehbare Gründe, wie z.B. Angst oder persönliche Erfahrungen.

Kritiker geraten beim Künstler in Generalverdacht, negative Menschen zu sein. Dies ahnen die Kritiker. Sie möchten keine destruktiven Zeitgenossen sein und unterlassen es 🎭, ihre Kritik zu äußern. Das ist fatal! Also schweigt das kritische Publikum 🎭 aus Rücksicht und Respekt vor dem Künstler. Das Schweigen deutet der Künstler als Bestätigung und die macht ihn glücklich. Wie Picasso richtig sagte: Künstler müssen so sein wie Kinder. Daher begegnet man ihnen empathisch.

Nur Kritik von Kollegen findet Gehör

Architekten nehmen konstruktive Kritik von Kollegen und Fachleuten an, wenn diese sich zuvor mit ihrer Planung auseinandergesetzt, den Kritikpunkt sachlich erklärt und Lösungsvorschläge gemacht haben. Das klingt vernünftig. Konstruktive Kritik können nur wenige Bauherren äußern, denn dafür fehlt ihnen das Fachwissen und die richtigen Argumente. Der Architekt geht daher davon aus, dass Kritik von Bauherren nicht konstruktiv sein kann 🎭! Oft überschneidet sich Annahme mit einer unangenehmen Eigenschaft: dem Narzissmus. Eine gesunde Portion davon sollte jeder haben, Künstler neigen jedoch zu einer gesteigerten Form 🎭. Fehlende Empathie macht sie empfindlich gegenüber Kritik 🎭. Sie verletzt ihre Eitelkeit 🎭 und kratzt an ihrem Selbstbewusstsein, ein wichtiges Element der Gesellschaft zu sein. So entsteht das Bild vom Architekten auf dem Elfenbeinturm.

Warum du als Architekt kein Künstler sein solltest

Die Architektenkammern inszenieren ihre Mitglieder gerne als Baukünstler. Diejenigen, die sich das leisten können, fühlen sich geschmeichelt. Es ist etwas Besonderes, ein Teil der Baukunst-Community zu sein. Eine Zeitlang war ich auch überzeugt, die (Bau-)Welt mit meinen Ideen retten zu können. Meinungen von Laien habe ich nicht wertgeschätzt und nicht angemessen gewürdigt. Meine Haltung wurde von ehemaligen Chefs sogar gefördert – wir hatten die gleichen Überzeugungen.

Erst, als ich selbst Bauherr wurde und mein eigenes Baubudget verwaltet habe, wurden mir die Augen geöffnet. Auf der Seite der Bauherren sieht die Welt eben anders aus. Nach zwei Jahrzehnten Erfahrung als professioneller Bauherr, bin davon überzeugt, dass nur wenige Planer ihre Bauherren wirklich verstehen.

Wie konnte mir das passieren? Ich glaube, die falsche Prägung erfolgte im Studium. Vom ersten Tag an wurden wir Studenten (auch) auf eine missionarische Rolle vorbereitet. Nur die Meinung des Architekten zählt beim Bauen. Damals verhielten sich viele in der Branche ähnlich. Handwerker und Bauunternehmer kämpften um Aufträge und der Architekt saß im Projekt immer am längeren Hebel – keine gute Basis für Kollaboration auf Augenhöhe.

Kommunizieren ist besser als missionieren

Trotz der meiner Kritik an einigen Stellen, habe ich im Studium eine sehr gute Ausbildung genossen. Von der gestalterischen Lehre profitiere ich fast jeden Tag. Es wäre gut gewesen, man hätte unsere kommunikativen Fähigkeiten und die Empathie gefördert. Heute hat meine Architekten-Generation oft Schlüsselfunktionen in Büros, wo sie ihre Erfahrungen und Haltungen an junge Kollegen weitergeben.

In meiner Wahrnehmung sind mir früher oft Bauherren begegnet, die sich nicht entscheiden konnten oder solche, die permanent misstrauisch waren. Die Ursachen dafür wurden mir nach dem Wechsel auf die Bauherrenseite klar. In meiner Rolle als Bauherrenvertreter durfte ich plötzlich Architekten beauftragen. Schon bald erkannte Muster, die sich noch immer regelmäßig bestätigen: Wenn Architekten sich pragmatisch präsentieren, fehlen gestalterischen Kompetenzen. Verkaufen sich Architekten als Baukünstler, dann fehlt die Fähigkeit, die Bauherren-Perspektive einzunehmen. Keine der beiden Gruppen deckt die Anforderungen von Bauherren ab.

Wer du bauen möchtest, hast du die Wahl zwischen einem Architektenhaus und einem Bauträgerhaus. Fällt die Wahl auf das individuell geplante Haus, brauchst du einen passenden Planer. Die Auswahl fällt nicht leicht, denn die einen haben ihren Schwerpunkt im Entwurf und die anderen sind als Dienstleister unterwegs. Der Entwerfer findet für dich den idealen Grundriss und plant ein tolles Design und der Dienstleister macht alles, worum du ihn bittest, hat aber kein Gefühl für Form und Material – er baut hässliche Häuser. Für welche Gruppe würdest du dich entscheiden?

Achtzig Prozent bauen ohne Architekt

Trotz der Sorge, vom GU übers Ohr gehauen zu werden und für jeden Sonderwunsch bezahlen zu müssen, entscheiden sich die meisten einen Bauträger – der Weg scheint einfacher und berechenbarer zu sein. Bauherren lassen sich lieber auf einen “mit allen Wassern gewaschenen” Unternehmer ein, als sich mit dem “neugierigen Kind” auf die Reise ins Ungewisse zu begeben. Bauherren vertrauen keinem Künstler! Bauherren ahnen, dass sie die Leistungen des Architekten nicht bewerten können. Sie wollen sich auch nicht missionieren lassen. Künstler sind anstrengend!

Beim Bauträger hingegen finden Bauherren fertige und etablierte Grundrisse. Dort gibt es Festpreise und erprobte Systeme. Und wenn man nichts ändert, dann reicht auch das Geld. Kein Bauherr will ein finanzielles Abenteuer! Sicherheit und Verlässlichkeit ist wichtiger, als Individualität mit ungewissem Ausgang. Architekten geben auch keine Kostengarantien ab und Bauherren wollen ein Haus, aber kein Kunstwerk haben. Ein Kunstwerk kann man sich nämlich aussuchen, bevor man es kauft, doch DER geniale Entwurf muss erst mal erarbeitet werden.

Künstler sind keine Verkäufer

Bei der Kommunikation wird es oft ganz schwierig. Künstler wollen und können sich und ihre Werke schlecht verkaufen. Nicht ohne Grund gibt es Agenten und Galerien. Das gilt auch für Baukünstler. Sie kommunizieren nicht auf Augenhöhe den Bauherren. Ihnen geht es um das Werk und nicht um den Käufer.

Nichts von dem, was Bauherren suchen, kann ein Künstler bieten. Deshalb ist die Krone der Baukunst für Architekten in Wahrheit eine Dornenkrone. Dass Berufsverbände immer noch die falsche Schwerpunkte setzen ist ein Indiz für Kapitulation! Man überlässt das Feld “Privater Bauherr” den Bauträgern und GUs und konzentriert sich stattdessen auf den baukünstlich-emotionalisierten Rest der Bautätigkeiten – immerhin 20%.

Betroffene begründen das gerne mit fehlender Wirtschaftlichkeit im privaten Sektor: Privater Bauherr = viel Arbeit und wenig Honorar. Anstatt sich mit innovative Konzepten für die Rückeroberung der Privaten einzusetzen, legte man zuletzt den Schwerpunkt auf Baukultur und den den Kampf um die HOAI. Es ist höchste Zeit für Veränderungen – im Sinne der Architekten und Innenarchitekten. Wie das gehen kann, erfährst du hier. Die DAB Online hat sich vor einiger Zeit den Architekten-Klischees gewidmet. Es sind dort auch viele positive Eigenschaften genannt, die der Berufsgruppe zugeschrieben werden. Was nicht geschrieben ist: Keinerer kann alle Talente zugleich haben! Und damit ist auch jeder Architekt unperfekt! Wir kritisieren das anstudierte Selbstbewusstsein, über all diese Talente zu verfügen.

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