schwarz weiss tusche zeichnung von carsten stemmer

Warum Architekten keine Künstler sein dürfen

Die Architektenkammern inszenieren ihre Mitglieder gerne als Baukünstler. Diejenigen, die es sich leisten können, fühlen sich geschmeichelt. Es ist etwas Besonderes, ein Teil der Baukunst-Community zu sein. Zugegeben, vor vielen Jahren glaubte auch ich eine meine architektonisch-fachliche Unfehlbarkeit. Meinungen von Laien interessierten mich wenig. Meine arrogante Haltung wurde von ehemaligen Chefs sogar unterstützt – wir teilten dieselben Überzeugungen. Der Moment, an dem ich privat selbst Bauherr wurde, war der erste Erkenntnisgewinn. Ich musste mit meinem eigenen Budget haushalten! Die Welt aus den Augen eines Bauherren sieht etwas anders aus. Davor sind mir oft Bauherren begegnet, die sich nicht entscheiden konnten oder solche, die notorisch misstrauisch waren. Nun begann ich den rund zu verstehen! Dann wechselte ich auch beruflich auf die Bauherrenseite und plötzlich war es meine Aufgabe, Architekten zu finden und für Bauprojekte zu beauftragen. Bei den Architekturbüros erkannte ich schnell ein Muster, das sich bis heute immer wieder bestätigt: Wenn Architekten sich pragmatisch präsentieren, dann haben sie keine gestalterische Kompetenz. Kommen sie als “Baukünstler” daher, dann fehlt ihnen die Perspektive des Bauherren. Keine Gruppe deckt also wirklich alle Anforderungen eines Bauherren ab. Inzwischen – nach zwanzig Jahren Erfahrung als professioneller Bauherr – bin ich sicher, dass nur sehr wenige Architekten einen Bauherren wirklich verstehen!

Kommunizieren ist gut – missionieren ist schlecht

Wie kann das sein? Ich bin sicher, die Prägung erfolgte schon im Studium. Vom ersten Tag an wurden wir auf eine missionarische Rolle vorbereitet. Nur die Meinung des Architekten zählt beim Bauen. Damals verhielten sich viele ähnlich. Handwerker und Bauunternehmer kämpften um Aufträge und der Architekt saß im Projekt am längeren Hebel – keine gute Basis für Kollaboration auf Augenhöhe. Mein Architekturstudium war eine sehr gute Ausbildung. Von der gestalterischen Leere profitiere bis heute täglich. Es wäre allerdings noch besser gewesen, man hätte auch unsere kommunikativen Fähigkeiten und unserer Empathie im Studium geschult. Heute hat meine Generation Planer oft Schlüsselfunktionen in denen sie ihre Erfahrungen und Haltungen an junge Kollegen weitergeben…

Wenn du bauen möchtest, hast du die Wahl zwischen einem Architektenhaus und einem Bauträgerhaus. Fällt die Wahl auf das individuell geplante Haus, brauchst du einen passenden Planer. Die Auswahl ist nicht leicht, denn die einen haben einen Schwerpunkt im Entwurf und die anderen sind als Dienstleister unterwegs. Der Entwerfer entwickelt den idealen Grundriss und macht ein tolles Design und der Dienstleister macht alles, worum du ihn bittest, hat aber kein Gefühl für Form und Material. Er baut möglicherweise hässliche Gebäude, wenn du ihn lässt. Für welche Gruppe würdest du dich entscheiden?

Achtzig Prozent bauen ohne Architekten

Trotz der Sorge, für jeden Sonderwunsch bezahlen zu müssen, entscheiden sich die meisten für einen Bauträger – der Weg scheint einfacher und berechenbarer zu sein. Bauherren lassen sich lieber auf einen “mit allen Wassern gewaschenen” Unternehmer ein, als sich mit dem “neugierigen Kind” auf die Reise ins Ungewisse zu begeben. Bauherren vertrauen keinem Künstler! Bauherren ahnen, dass sie die Leistungen des Architekten nicht bewerten können. Sie wollen sich auch nicht missionieren lassen. Künstler sind echt anstrengend!

Beim Bauträger hingegen finden Bauherren fertige und etablierte Grundrisse. Dort gibt es Festpreise und erprobte Systeme. Und wenn man nichts ändert, dann reicht auch das Geld. Kein Bauherr will ein finanzielles Abenteuer! Sicherheit und Verlässlichkeit ist wichtiger, als Individualität mit ungewissem Ausgang. Leider geben Architekten keine Kostengarantien ab und Bauherren möchten meistens auch keine Baukunst bestellen. Im Unterschied zu einem Gebäude, kann man sich ein Kunstwerk aussuchen, bevor man es kauft.

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A = Künstler

A = Dienstleister

Künstler wollen keine Verkäufer sein – daher gibt es Galeristen

Bei der Kommunikation wird es oft ganz schwierig. Künstler möchten und können sich und ihre Werke schlecht verkaufen. Nicht ohne Grund gibt es Agenten und Galerien. Das gilt auch für Baukünstler. Sie kommunizieren nicht auf Augenhöhe den Bauherren. Ihnen geht es um das Werk und nicht um den Käufer. Müssen sich Architekten wirklich wundern, dass Kunden nicht bei ihnen “kaufen”?

Nichts von dem, was Bauherren suchen, kann ein Künstler bieten. Deshalb ist die Krone der Baukunst für den Architekten in Wahrheit eine Dornenkrone. Dass Architektnkammern immer noch die falschen Schwerpunkte setzen ist ein Indiz für Kapitulation! Man überlässt das Feld “Privater Bauherr” den Bauträgern und GUs und konzentriert sich stattdessen auf den baukünstlich-emotionalisierten Rest der Bautätigkeiten – immerhin 20%.

Architekten begründen den Aderlass gerne mit fehlender Wirtschaftlichkeit im privaten Sektor: Privater Bauherr = viel Arbeit und wenig Honorar. Anstatt sich mit innovative Konzepten für die Rückeroberung der Privaten Kunden einzusetzen, legt man den Schwerpunkt auf Baukultur und den den Kampf um die HOAI. Es ist höchste Zeit für Veränderungen – im Sinne der Architekten und Innenarchitekten. Wie das gehen kann, erfährst du hier. Die DAB Online hat sich vor einiger Zeit den Architekten-Klischees gewidmet. Es werden viele positive Eigenschaften genannt, die der Berufsgruppe zugeschrieben werden. Was nicht dort steht ist: Keiner kann alle Talente zugleich haben, jeder Architekt ist unperfekt. Würde man das anerkennen und logisch Schlüsse ziehen, gäbe es eine glänzende Zukunft – besonders für kleine Architekturbüros. In diesem Artikel haben wir beschrieben, wie das gehen kann: Remote Work für Architekten

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