Baumensch

Bitte kein Fachchinesisch

Gute Baukommunikation soll nicht nur das Marketing fördern, Kommunikation ist auch das wichtigste Werkzeug im Projektmanagement. Diese Überzeugung habe ich nach langjähriger Erfahrung als Projektmanager gewonnen. In dem Artikel beschreibe ich, wie Kommunikation zwischen Bauherren und Planern gelingen kann und wie sich Missverständnisse auf der Baustelle vermeiden lassen. Missverständnisse entstehen oft durch das verwendete Fachchinesisch der Bauleute.

Es beginnt schon bei der Wortwahl. Architekten und auch alle anderen Bauleute müssen sich bemühen, die Sprache der Kunden zu sprechen. Sie dürfen niemals den Architekten-Wortschatz anwenden, weil es sich dabei sozusagen um einen Dialekt handelt, den nicht jeder versteht. Hinzu kommt, dass Kunden unterschiedliche Bildungs- und Erfahrungshintergründe haben und jeder Mensch außerdem seine eigene Ausdrucksweise und auch eine individuelle Hörgewohnheit hat.

Bevor also über Fachthemen und Detailfragen am Bau gesprochen wird, sollten sich die Gesprächspartner aufeinander einstimmen. Damit Sender und Empfänger sich verständigen können, müssen sie eine gemeinsame “Funkfrequenz” finden. Es ist OK, wenn Bauleute untereinander ihr Fachchinesisch sprechen, denn das Fachvokabular dient der effizienten Verständigung. Ein Gespräch unter Bauprofis muss allerdings anderes ablaufen, als ein Austausch mit den Bauherren. Im Alltag vergessen Bauprofis fast immer, dass ihr Gegenüber kein Fachvokabular beherrscht. Die Bauprofis merken bei ihren detaillierten Erläuterungen nicht, wenn sie ihre Gesprächspartner “verlieren”. Tragisch daran ist, dass auch der Gesprächspartner nicht merkt, dass er abgehängt wurde.

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Immer sofort nachfragen

Der Sender meint, dass der Empfänger alles versteht und sendet munter weiter. Der Empfänger sortiert das Gehörte nach Hörgewohnheiten und seinem Verständnis ein und meint keine Fragen zu haben. Oft wird auch nicht nachgefragt, weil Nachfragen aus Sicht des Empfängers doof ausschaut. So sammeln sich unbemerkt immer mehr kleine Missverständnisse an, die erst viel später zutage treten und Konflikte verursachen. Der Klassiker: Architekten gehen davon aus, dass Bauherren wissen: Umplanungen sind ab einem gewissen Punkt nicht mehr im Auftragsumfang enthalten. Architekten sprechen das Thema nicht sofort an, um schlechte Stimmung zu vermeiden. Das unbequeme Thema wird erst mal verschoben und spätere Konflikte auf der Baustelle sind vorprogrammiert.

Effiziente Fachsprache

Was unter Kollegen gut funktioniert, führt im Dialog mit Laien zu Unklarheiten und Missverständnissen. Bauplaner übersehen bei Präsentationen, dass die Erfahrungswelt ihrer Zuhörer eine andere ist. Beispiele:

  • Planer kennen die Größe von Fundamenten unter bestimmten Wandtypen / Bauherren wissen vielleicht nicht einmal, was Fundamente sind
  • Architekten sprechen von der HOAI als Honorargrundlage / Bauherren wissen nicht, was die HOAI genau ist und erst recht nicht, was dort beschrieben wird
  • Bauzeichner planen selbstverständlich Dehnungsfugen in Wand und Böden / Bauherren kennen die technischen Hintergründe von unschönen Fugen nicht.
    Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Was für den einen selbstverständlich klingt, ist für den anderen ein Buch mit sieben Siegeln.

Frau steht im nebeligen Wald

Bauherren können in komplexen Projekten nicht die gleiche Übersicht haben, wie die Fachplaner. Wenn die Bauherren Baulaien sind, fehlt die Weitsicht für technische Zusammenhänge. Es ist allein Sache der Dienstleister, sich bei Gesprächen auf die Kommunikationsebene der Auftraggeber zu begeben – das gilt besonders für die verantwortlichen Planer. Ansonsten redet man aneinander vorbei und das führt zu Frustration und Irritation.

Architekten müssen ihre Arbeit erklären

Aber die richtige Ansprache ist nicht alles: Nicht nur das WIE , sondern auch das WARUM muss den Bauherren erklärt werden. Eine gestalterische Idee muss logischem Inhalt haben, damit dieser erklärbar ist. Genau wie die genannten Sprachunterschiede, bestehen unterschiedliche Vorstellungen davon, was Architektur leistet. Architekten sollten davon absehen, das Künstlerische in den Vordergrund zu stellen. Architekturplanung ist nicht das Produkt künstlerischer Eingebung, sondern das Ergebnis analytischer Arbeit und logisch-kreativer Überlegungen. Architektur dient nicht dem Architekten, sondern der Bauaufgaben und muss die Bedürfnisse und Anforderungen der Bauherren befriedigen.

Während Architekten das große Ganze im Blick haben, innovative Technik nutzen und den planerischen Pfad kennen, ist der Kunde vor allem Laie und Pragmatiker, der das fertige Gebäude als Ziel vor Augen hat. Bauherren nehmen ihr Wunschgebäude bzw. die Planung dafür anders wahr, als Architekten. Bauherren haben andere Schwerpunkte. Dies müssen sich Planer stets vor Augen führen. Es kann sehr hilfreich sein, mit seinen Bauherren die Unterschiede in Besprechungen herauszuarbeiten und transparent zu machen und die Standpunkte für den Baupartner sichtbar zu machen.

Architekten sind die Anwälte der Bauherrn

Architekten müssen Fehler schon erkennen, bevor sie gebaut werden. Ihre Aufgabe ist es, Bauherren mit Wissen und Erfahrung vor Fehlplanungen und somit vor Schaden zu bewahren. Allerdings muss das auch kommuniziert werden. Wenn Planer bauliche Lösung ablehnen, darf das nicht nach Willkür aussehen. Bauherren wollen verstehen, denn in ihrer Welt soll vor allem ihre Visionen umgesetzt werden. Die Komplexität und die Zusammenhänge unterschätzten Bauherren meistens. Wenn man nicht erklärt, warum bestimmte Wünsche nicht umgesetzt werden, entsteht Misstrauen und Unsicherheit. Architekten müssen bei Bauherren absolutes Vertrauen gewinnen, um effizient arbeiten zu können. Ja, es ist nahezu unmöglich Bauherren jedes einzelne Detail zu erklären. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass aus Sicht der Bauherren über Wesentliches nicht gesprochen wird. Daher müssen Planer herausfinden, was für den einzelnen Bauherrn “wesentlich” ist.

Fachchinesisch bitte übersetzen

Damit Vertrauen entstehen kann, wollen Bauherr „auf Augenhöhe“ angesprochen werden und sich ernst genommen fühlen.  Misstrauen kann entstehen, wenn richtige Inhalte in der falschen Form kommuniziert werden – wenn Erklärungen in Fachsprache vor den Ohren der Bauherren verpuffen. Mein Tipp für alle Planer: Wechselt oft in die Wahrnehmungswelt der Bauherren, bevor ihr plant und bevor ihr kommuniziert. Nehmt euch Zeit dafür – es lohnt sich.

Nicht verstanden? Wir übersetzen gern

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