Architektur beeinflusst Verhalten

Architekten müssen bei der Planung von Räumen die psychologische Wirkung kennen und beachten. Die wichtigsten Zusammenhänge wurden im Architekturstudium vermittelt. Es ist unstrittig, dass der sogenannte gebaute Raum unser Verhalten beeinflusst. Räume können das Wohlbefinden fördern oder das Gegenteil bewirken. Räume beeinflussen unser Fühlen und Denken und unser Sozialverhalten. Angehende Bauherren widmen diesem Zusammenhang leider viel zu wenig Aufmerksamkeit. Sie ahnen nicht, welche Auswirkung ein schlechter Entwurf auf ihren Lebensalltag hat. Liegen  beim Bauherren und/oder beim Architekten unentdeckte psychische Defekte vor, ist das tragisch – sowohl für die Betroffenen Bauherren, deren räumliches Umfeld und die Gesellschaft als Ganzes. Umgekehrt fördert gute Architektur unsere seelische Gesundheit.

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Ein Lesetipp

Jeder vierte leidet unter einer psychischen Erkrankung

Bundesweit erfüllt mehr als jeder vierte Erwachsene die Kriterien einer psychischen Erkrankung – Architekten und Bauherren sind davon sicher ebenfalls betroffen. Bevor sich Planer und Bauherr in die gemeinsame Arbeit stürzten, sollten sie daher den Status ihrer potentiellen Vertragspartner klären. Laut Statistik ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass zwei Betroffene einen Planungsvertrag abschließen werden.

pillen in einer dose

Architekturpsychologie ist ein Teilbereich der Umweltpsychologie. Wissenschaftler untersuchen, wie die künstliche Welt, also Gebäude, auf uns wirken. Dabei wirken natürlich auch andere Einflüsse, z.B. der kulturelle Hintergrund. In Nordeuropa mögen die Menschen helle Räume mit Ausblick, während Gebäude im Süden eher introvertiert sind. Gute Architekten müssen erkennen, dass unlogisch klingende Bauherrenwünsche einen kulturellen Ursprung haben könnten und diese auch hinterfragen! Es gibt in Nordeuropa kein Problem mit extremer Hitze und erbamungsloser Sonneneinstrahlung. Im Süden hat das die Bauweise geprägt (hohe Temperatur > kleine Fenster).



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Kritik an Architektur war die Geburtsstunde der Architekturpsychologie

Erste Beachtung schenkte man der Architekturpsychologie Anfang des 20. Jahrhunderts. In den sechziger Jahren kam es – verursacht durch den Streit über moderne Architektur – zu einem regelrechten Schub für diese Wissenschaft. Der moderne Städtebau stand in der Kritik und man beäugte kritisch die Entwicklungen in den Trabantensiedlungen sowie die Folgen massiver Verdichtung von Wohnraum. Verhaltensforscher, Psychologen und Soziologen wurden aktiv und so entstand das wissenschaftliches Fundament der Architekturpsychologie. Praktizierende Architekturpsychologen sind nicht leicht zu finden. Diese Berufsgruppe ist überwiegend beratend tätig und steht nicht in Konkurrenz zu bautätigen Architekten.

Der Beratungsbedarf bei der Gebäudeplanung ist nicht von der Hand zu weisen. Wissenschaftler sind sich einig, dass es im architekturpsychologischen Sinne kein ideales Gebäude geben kann: es gibt nur Bauwerke, die aus psychologischer Sicht besser oder schlechter sind.

Ist Architektur eine Frage der Wahrnehmung?

Wir sind uns der Wirkung von Architektur auf unser Befinden nicht oder nur unterschwellig bewusst. Das Ausblenden von räumlichen Störquellen gaukelt uns den reibungslosen Ablauf in Bezug zu unserer Behausung vor und beschleunigt die Anpassung an die Situation. So bleiben die baulich bedingten Quellen von Unbehagen, Dysfunktionen und Problemen im sozialen Miteinander unentdeckt.

Jedes Individuum nimmt anders wahr – das gilt für Architektur ebenso, wie für Mode oder Kunst. Trotz der Unterschiedlichkeit lassen sich dennoch bestimmte Regeln statistisch verlässlich nachweisen. Dadurch entstehen die Empfehlungen der Architekturpsychologie. Setzt man sie um, dann wird ein Raum positiver empfunden oder besser nutzbar. Menschen sind alle unterschiedlich und wenn Gebäude von Menschen genutzt werden sollen, ist es nicht egal, für wen sie gebaut werden.

Die Büroplanung für ein Startup in Wuppertal muss anders sein, als das Konzept für ein Finanzamt in Willingen. Bei Wohngebäuden ist eine Zielgruppe betroffen, deren Bedürfnisse nicht aus dem durchschnitt herzuleiten sind – Architekten müssen die Bedürfnisse genau erkunden. Familien sind mit identischen Grundrissen aus der Serienproduktion nicht automatisch gut beraten!

Aber welche Folgen können ungeeignete Grundrisse haben? Nehmen Häuser von der Stange ihren Bewohnern die Individualität? Wenn Plattenbauten im sozialistischen Deutschland psychologisch gleichschaltend wirkten, wie ist das dann mit dem Reihenhaus TYP-LUZI vom deutschen Marktführer Traumhaus GmbH?

gebäude plattenbau

In der Praxis bleibt das Wissen über psychologischen Zusammenhänge leider immer noch ungenutzt. Beratung durch die Architekten – Fehlanzeige! Private Bauherren treffen beim Planen und Bauen ihre Entscheidungen selbstverständlich ohne fremde Hilfe: “Welche Psychologische Anforderungen? Wir haben keinen Bedarf, wir fühlen uns wohl. Vielen Dank. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.” So bleibt das Potential guter Architekturplanung ungenutzt. Achtzig Prozent bauen ihr Eigenheim ohne Architekten. Auch bei Bauträgern und Maklern sieht es in Sachen architekturpsychologischer Beratung mau aus. Was zählt ist ausschließlich der Profit. In der Folge bleiben die meisten privaten Gebäude in Bezug auf positive psychologische Wirkung hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Bauen macht Lebensräume

Das Entwerfen von Gebäuden ist das Gestalten von Lebensraum, der auf den Nutzer zugeschnitten sein muss. Wenn das gelingt, entsteht mehr Zufriedenheit und im gewerblichen Umfeld mehr Erfolg. Im Umkehrschluss bedeutet es: Nicht individualisierter Lebensraum schadet seinen Nutzern! Daher müssen schon bei der Planung die Weichen richtig gestellt werden. Bedauerlicherweise vermarkten Architekten ihr Know-how nicht gut genug. So nutzt die kommunikativ starke Konkurrenz der Architekten den unbefriedigten Beratungsbedarf von Bauherren. Statt zu beraten preisen sie die “Wohnglück-Produkte mit ausgefeilten Grundrissen”.

Bitte nicht falsch verstehen, es spricht nicht grundsätzlich etwas gegen Serienprodukte oder Effizienz, solange Bauherren umfänglich und unabhängig beraten wurden. In der Praxis ist das leider die Ausnahme. Reihenhäuser, Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen werden inzwischen verkauft wie Autos: Bauherren konfigurieren ihre Immobilien selbst. “Bauherren wissen heute nämlich sehr genau, was sie wollen”, gesteht der Verkaufsleiter eines Bauträgers im Interview. Anmerkung der Redaktion: Kinder wissen auch sehr genau, was sie wollen: Spät ins Bett gehen, Augen immer auf dem Smartphone und viel naschen.

Ein Interview mit einem Bauträger

BM: Warum ähneln sich die Grundrisse von Reihenhäusern so? Bauträger: Wie meinen sie das? Unser Layout hat sich bewehrt und die Häuser verkaufen sich sehr gut. BM: Dann haben alle ihre Bauherren ähnliche Anforderungen? Bauträger: Ja, unsere Kunden haben meistens ein festes Budget und möchten Wohneigentum erwerben… BM: …ich meinte eher die individuellen Anforderungen wie: familiäre, Zukunftspläne usw. Beraten sie ihre Kunden vor dem Kaufvertrag? Manchmal wäre doch ein kleineres Objekt besser als ein Reihenhaus? Bauträger: Sorry, das hinterfragen wir nicht – wir verkaufen Häuser! Unsere Beratung beginnt, nachdem ein Kunde mit seinem Kaufwunsch zu uns kommt. Wir bieten klar definierte Leistungen zu guten Konditionen. BM: OK. Ich möchte nochmal zurück zu meiner Ursprungsfrage: Jeder Bauherr befindet sich in einer individuellen Lebenssituation, die eine individuelle bauliche Antwort braucht. Wie lassen sich diese Anforderungen mit dem Reihenhaus XY umsetzen? Wie finden sie z.B. den optimalen Grundriss für ihre Kunden? Glauben sie, dass Serienprodukte das leisten können? Bauträger: Mit dem Begriff “Serienprodukt” komme ich sehr gut klar. Unsere Grundrisse können – gegen Aufrechnung aller Minderkosten/Mehrkosten, individuell angepasst werden. Wir gehen auf jeden Kundenwunsch ein! Unsere Kunden haben sich das alles sehr genau überlegt. Wir prüfen, ob ihre Wünsche baulich umsetzbar sind und hängen ein Preisschild daran. Ob der Kundenwunsch nachhaltig gut ist, möchten wir nicht hinterfragen – der Kunde ist bei uns König. Natürlich sagen wir, wenn andere Kunden mit bestimmten Lösungen schlechte Erfahrungen gemacht haben. BM: Vielen Dank für die offenen Worte.

Gleiche Reihenhäuser – gleiches Verhalten

Zweckdienlich, praktisch und flächenoptimiert. Eigenschaften, die den Gebäuden von der Stange nachgesagt werden. Das sieht zum Beispiel so aus: Im Erdgeschoss kommt man ins Haus. Da links ist auch gleich die Garderobe und das Gäste-WC. Geradeaus geht es ins Wohnzimmer, die Küche gleich um die Ecke, damit Mutti/Papi es nicht so weit hat, wenn der Einkauf herein getragen wird. Weiter hinten gelangt man durchs Wohnzimmer auf die Terrasse und ab in den Garten. Auf dem Weg dorthin liegt praktischerweise die Treppe ins Obergeschoss (mal offen, mal geschlossen). Im ersten Stock befinden sich Bad, Schlafzimmer und Kinderzimmer. Auf Wunsch gibt es in der Etage darüber den Dachraum mit der “Ausbauoption” fürs Büro oder das häusliche Fitness-Studio. Dieses Konzept wurde schon zigtausendfach gebaut. Ein echtes Erfolgsmodell! Der VW-Käfer unter den Wohnhäusern. Die Frage ist erlaubt, ob dieses Konzept zu jedem Menschen passt. Wie kommen Größe und Proportion zustande? Kann dieser Grundrisstyp den unterschiedlichen Lebenssituationen der Menschen gerecht werden?

Die geheimen Bedürfnisse der Nutzer

Psychologisch getrachtet befriedigt Architektur die Bedürfnisse der Bauherren. Diese äussern Wünsche und drücken damit ihre Bedürfnisse aus. Einfaches Beispiel: “Wir brauchen natürlich eine Küche” bedeutet in aller Regel, dass gekocht werden soll. Aber manchmal steckt hinter ausgesprochenen Wünschen mehr. Wenn Bauherren ein “gelbes Dach” fordern, sollten Architekten der Motivation dieser Anforderung auf den Grund gehen. Geht es um ein politisches Statement? Ist der Bauherr ein Imker? Warum möchte der Bauherr kein grünes Dach? Es klingt zwar etwas komisch, aber es ist wichtig, dass sich der Architekt seinen Auftraggeber wirklich kennenlernt. Er sollte seinen Auftraggeber wirklich verstehen, um massgeschneiderte (bauliche) Lösungen zu finden. Nach Beratung und gewachsenem Verständnis für die Motivation hinter der Forderung “gelbes Dach” könnte es sein, dass gemeinsam andere bauliche Lösung entwickelt werden und später die “Lust auf gelb” durch ein Aquarium mit gelben Fischen befriedigt wird – wer weiß…

Architekten gestalten, um persönliche Bedürfnisse der Bauherren zu befriedigen. Das ist aufwendiger, als man meint. Menschen leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen (z.B. in einer Siedlung, einem Dorf, einer Stadt). Andere Menschen haben ebenfalls Bedürfnisse – vielleicht nicht es die gleichen! Und Menschen mögen das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sie wollen Teil einer Gemeinschaft sein. Individualität und Gemeinschaft sind also zusammenzuführen. Hier findest du Spannende Hintergründe zum Thema “menschliche Bedürfnisse”.

Der Sonderwunsch beim Bauträger ist ein Symptom für unbefriedigte Bedürfnisse

Ein gelbes Dach könnte ein Signal gegen die andere sein. Das Haus könnte sagen: “Seht her, ihr hässlichen Nachbarhäuser, ich bin etwas Besonderes! Ich bin oben gelb, denn meine Besitzer pflegen – anders als ihr – einen außergewöhnlichen Stil. In meinen Wänden leben fröhliche Individualisten.”

Es ist nachvollziehbar, dass manche Bebauungspläne die Dachfarbe oder die Außsenwandfarbe vorschreiben. Es gab aber auch Zeiten, in der das nicht erforderlich war. In dieser Zeit entstanden Altstädte, die gestalterisch vorbildlich und nicht zu kopieren sind. Häuser und Städte sind immer ein Spiegel der Zeit. Bei funktionierenden Gemeinschaften gibt Rückkopplungen auf die Architektur.  Kann ein gelbes Dach der Nachbarschaft auf die Sprünge helfen? Muss ein gutes Fertighaus-Modell nur das Bedürfnis nach Geborgenheit befriedigen? Sind unbefriedigte Bedürfnisse der Kollateralschaden des ökonomischen Bauens – der Architektur von der Stange? Sind Sonderwünsche beim Bauträger Symptome unbefriedigter Bedürfnisse?

Sind Wohnhäuser Zweckbauten

Oder ist ein Knast ein Wohngebäude? Kann man im Gefängnis wohnen oder nur sein? Anders als ein Wohnhaus gilt ein Gefängnis als Zweckbau. Was unterscheidet denn ein Gefängnis von einem Wohnhaus? Im Gefängnis leben Menschen. Das Gefängnis besteht aus einem Grundstück mit äußeren Schutzeinrichtungen und Wachtürmen. Innerhalb der Mauern befinden sich Gebäude, in denen Gefangene witterungsunabhängig untergebracht sind, ebenso das Wachpersonal und die Infrastruktur. Gefängnisse sind wirklich zweckmäßig. In einem Wohnhaus leben auch Menschen. Sie leben dort witterungsunabhängig. Im Wohnhaus befinden sich Räume für die unterschiedlichen Bedürfnisse. Auch Wohnhäuser bestehen aus baulichen Anlagen und sind oft von einem Zaun umschlossen. Wohnhäuser erfüllen im Grunde den gleichen Zweck und sind eigentlich auch Zweckbauten.  Aber wieso unterscheidet man dann in der Begrifflichkeit diese Immobilientypen? Es wird daran liegen, dass architektur-psychologisch alles gegen Menschlichkeit gerichtet ist: Zäune, Mauern, keine Aussicht, kleine Fenster (wenn überhaupt), wenig Rückzugsmöglichkeit, laute Flure, kaltes Licht usw. Ein Gefängnis ist nicht für, sondern gegen Menschen gebaut.

Eine philosophische Sicht auf die Behausung

Architektur meint fast immer Behausung. Behausungen sind Räume, um dem Menschen das Leben zu erleichtern. Behausungen ermöglichen es, das Menschen sich entfalten können. Deshalb zählen Kraftwerke oder Fabriken zu Behausungen. Das Wohnhaus ist der Inbegriff von Schutz und Geborgenheit. Die Aussenwände eines Hauses sind die Grenze zwischen aussen und innen. Sie schützen die Bewohner vor Wind, Wetter, Feinden und vor feindlichen Blicken. Otto Friedrich Bollnow sieht Menschen in diesem Raum gar inkarniert – Bollnow betrachtet ein Haus als erweiterten Leib und Peter Sloterdijk weisst auf die Ambivalenz einer Vorstellungen hin, wodurch nach Eintauchen eine Raumversiegelung folgt und ein Haus zur Ignoranzmaschine werden kann. Einerseits sichert das Haus die nötige Stabilität für den Alltag, andererseits schließt es Störungen aus. Das Ausschließen von Störungen fördert Routine und in deren Folge vor allem: Trivialität. Außerdem wird aus der Verfügungsmacht über eine Immobilie als Besitzstand manchmal Herrschsucht. Routine, Trivialität und Herrschsucht zerstören soziale Interaktion. Das hemmt die Weiterentwicklung und schadet zwischenmenschlichen Beziehungen. Hinzu kommt, dass sich die meisten privaten Immobilienbesitzer für den Rest ihres Lebens versklaven, denn ein großer Teil ihres Einkommens verschlingt die Finanzierung ihrer Immobilie. Keiner will das wirklich, aber was ist die Alternative? Wohnen im Zelt? Architekten könnten sich dazu etwas überlegen…

Adressen und Links

PSY:PLAN | Institut für Architektur- und Umweltpsychologie

Linkliste für Umwelt und Architekturprychologie

Institut für nutzerInnengerechte Bauten und Landschaftsgestaltung

toway Regensburg

Institut für Architekturpsychologie GMBH

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