Siluette Frau Raum prägt Verhalten

Architektur beeinflusst unser Verhalten

Wir wünschen für private Bauherren mehr unabhängige Beratung, denn sie wissen nicht was sie tun – sie können es nicht wissen. Dieser Beitrag will Bauplaner und Architekten ermutigen, ihre Beratungs-Aktivitäten auszuweiten, um private Bauherren bei der Weichenstellung für Immobilien zu unterstützen. Räume und Gebäude haben Einfluss auf unser Wohlbefinden und unser Verhalten. Die Architekturpsychologie ist ein Teil der Umweltpsychologie. Sie kennt die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung. In der Praxis wird das Wissen jedoch nicht abgerufen. Die meisten Gedanken zum Eigenheim gewichten Bauherren für sich selbst: „Psychologische Anforderungen? Haben wir keine!“ Bauträger und Makler wiederum legen naturgemäß ihren Fokus auf Umsatz und Profit. Darum bleiben viele Chancen ungenutzt.

Bauen schafft Lebensraum

Gestalten von Gebäuden bedeutet Gestalten von Lebensraum. Dieser sollte ganz auf den Bedarf der Nutzer ausgerichtet sein. Wenn das gelingt, entsteht beim Wohnen mehr Zufriedenheit und im Gewerbe mehr Erfolg. Der Umkehrschluss bedeutet: Unangepasster Lebensraum schadet den Nutzern. Daher sollen gleich am Anfang alle Weichen richtig gestellt werden. Erfahrene Planer können dabei helfen.

Bedauerlicherweise haben es Architekten in der Vergangenheit nicht geschafft, den Wert ihres Könnens zu vermitteln. Sie vermarkten ihr Know-how nicht gut. So nutzen andere Marktteilnehmer das Vakuum und verkaufen Immobilien als Serienprodukt an Bauherren. Es spricht nichts gegen gute Geschäfte, wenn auch die Geschäftspartner, in dem Fall die Bauherren, umfänglich und unabhängig beraten wurden. Das ist aber leider die Ausnahme. Reihenhäuser, Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen werden inzwischen verkauft wie Autos: Bauherren konfigurieren ihre Immobilien selbst. „Bauherren wissen nämlich sehr genau, was sie wollen“, gesteht der Verkaufsleiter eines Bauträgers im Interview.

Interview mit einen Bauträger

BM: „Warum ähneln sich die Grundrisse von Reihenhäusern so? Bauträger: „Wie meinen sie das? Dieses Layout hat sich bewehrt. Die Häuser verkaufen sich sehr gut.“ BM: „Dann haben ihre Bauherren also immer ähnliche Anforderungen?“ Bauträger: „Ja, unsere Kunden verfügen über ein festes Budget und möchten Wohneigentum erwerben…“ BM: „…ich meinte damit die individuellen Anforderungen wie: Gewohnheiten, familiäre und sonstige Zukunftspläne usw.. Beraten sie ihre Kunden vor dem Kaufvertrag? Manchmal ist z.B. ein kleineres Objekt besser als ein Reihenhaus?“ Bauträger: „Sorry, das hinterfragen wir nicht – wir verkaufen Häuser! Unsere Beratung beginnt, nachdem ein Kunde mit dem Kaufwunsch zu uns kommt. Wir bieten klar definierte Leistungen zu guten Konditionen an.“ BM: „OK. Ich möchte nochmal zurück zu meiner Ursprungsfrage: Jeder Bauherr befindet sich in einer individuellen Lebenssituation. Ich bin überzeugt, dass das auch eine sehr individuelle bauliche Antwort braucht. Wie lassen sich diese Anforderungen mit dem Reihenhaus TYP-YX umsetzen? Wie finden sie zum Beispiel den optimalen Grundriss für den individuellen Bauherren? Glauben sie, dass Produkte „von der Stange“ das leisten können?“ Bauträger: „Mit dem Ausdruck von der Stange kommen wir sehr gut klar. Die Grundrisse können, gegen Aufrechnung aller Minder- und Mehrkosten, individuell angepasst werden. Wir gehen dabei auf jeden Kundenwunsch ein. Die Kunden haben sich das genau überlegt. Wir prüfen, ob die Wünsche bautechnisch umsetzbar sind und hängen ein Preisschild dran. Ob der Wunsch nachhaltig richtig ist, werden wir im Zweifel nicht hinterfragen – der Kunde ist König. Natürlich sagen wir, wenn andere Kunden mit bestimmten Lösungen schlechte Erfahrungen gemacht haben.“ BM: „Vielen Dank für die offenen Worte.“

Gleiche Reihenhäuser – gleiches Verhalten

Standard Reihenhaus

Zweckdienlich, praktisch und flächenoptimiert. Eigenschaften, die den Produkten von der Stange nachgesagt werden. Die sehen zum Beispiel so aus: Im Erdgeschoss betritt man das Haus. Da ist auch gleich die Garderobe und das Gäste-WC. Dann geradeaus ins Wohnzimmer, die Küche gleich um die Ecke. Weiter hinten gehts auf die Terrasse und in den Garten. In der Mitte liegt die Treppe ins Obergeschoss (mal offen, mal geschlossen). Im ersten Stock befinden sich Bad, Schlafzimmer und Kinderzimmer. Auf Wunsch gibt es in der Etage darüber den ausgebauten Dachraum mit Büro und Studio. Dieses zweckmäßige Konzept schon zehntausend fach realisiert.

Wie kommen Grösse und Proportion zusstande? Kann dieser Einheits-Grundrisstyp den vielen unterschiedlichen Lebenssituationen der Bauherren gerecht werden?

Hier kommt Psychologie ins Spiel. Architektur ist im Grunde nur Bedürfnisbefriedigung für Nutzer. Die Bedürfnisse können offensichtlich und einfach sein, z.B. Küche = will kochen. Sie können allerdings auch etwas im Verborborgen liegen, z.B. gelbes Dach = extrovertiert sein. Architekten erfinden bauliche Lösungen, um möglichst alle Bedürfnisse zu befriedigen. Da wir in Gemeinschaft mit anderen leben, gibt es auch Bedürfnisse der Gruppe, z.B. das Zusammengehörigkeitsgefühl (Stichwort gelbes Dach). Diese sind ebenfalls zu beachten.

Die individuellen Bedürfnisse zu identifizieren ist auch Aufgabe des Architekten. Möglich, dass ein erfolgreiches Massenprodukt nur ein einziges, aber dafür starkes Bedürfnis befriedigen muss. Zum Beispiel das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit. Was aber geschieht mit den anderen unbefriedigten Bedürfnissen? Bleiben die auf der Strecke? Sind Sonderwünsche das Symptom der „Restbefriedigungsversuche“? Welche menschlichen Bedürfnisse gibt es überhaupt?

Was sind Zweckbauten

Luftbild JVA Stammheim Gefängnis

Was unterscheidet ein Gefängnis von einem Wohnhaus? Ein Gefängnis ist ein Ort, an dem Menschen (gegen ihren Willen) wohnen. Es besteht aus einem Grundstück mit äußeren Schutzeinrichtungen und Wachtürmen. Innerhalb der Mauern befinden sich Gebäude zur Unterbringung der Gefangenen, des Wachpersonals und der Infrastruktur. Gefängnisse sind Zweckbauten. Ein Wohnhaus ist ein Ort, an dem Menschen witterungsunabhängig leben. Innen befinden sich Räume für verschiedenen Bedürfnisse der Bewohner. Auch Wohnhäuser bestehen aus baulichen Anlagen und Grundstücken – oft von einem Zaun umschlossen. Auch Wohnhäuser sind Zweckbauten.

Philosophische Sicht auf Behausungen

Architektur ist immer auch Behausung. Behausungen schaffen Räume, um Menschen das Bewohnen der Erde zu ermöglichen. Sie erst schaffen den Menschen die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Tätigkeiten. Deshalb sind auch Kraftwerke oder Fabriken Behausungen. Natürlich ein besonders ein Wohnhaus der Inbegriff von Schutz und Geborgenheit gegenüber der feindlichen Außenwelt. Die Umfriedung soll einen Eigenraum abgrenzen, der den Bewohnern Ruhe und Frieden sichert. Otto Friedrich Bollnow sieht Menschen in diesem Raum gar inkarniert – Bollnow betrachtet ein Haus als erweiterten Leib und Peter Sloterdijk weisst auf die Ambivalenz dieser Vorstellungen hin, wodurch nach Eintauchen in diese Vorstellung eine Raumversiegelung folgt und ein Haus zur Ignoranzmaschine werden kann.

Einerseits sichert das Haus die nötige Stabilität für den Alltag ab, andererseits schließt es Störungen aus. Dieses Ausschließen fördert Routine und in deren Folge vor allem Trivialität. Außerdem schlägt die Verfügungsmacht über eine Immobilie als Besitzstand gelegentlich in Herrschsucht um. Routine, Trivialität und Herrschsucht zerstören soziale Interaktion. Das hemmt Weiterentwicklung und schadet den zwischenmenschlichen Beziehungen. Keiner kann das wirklich wollen.

Vor dem Immobilien Kaufvertrag: Der Berater-Test

Wenn du als Bauherr Gelegenheit hast, dann frag beim Beratungsgespräch mal nach. Die Antworten des Bauträgers oder des Maklers könnten interessant sein:
  • Kennen Sie meine persönliche Biografie?
  • Kennen Sie unseren privaten Ziele?
  • Wissen sie welchen Stellenwert Schuhe in meinem Leben haben
  • Wussten sie, dass wir einen Hund haben wollen?
  • Kennen sie meine Hobbies
  • Wissen sie, ob ich ins Theater gehen?
  • Haben Sie statistische Zahlen über Scheidungsraten von Bauherren und Haustypen?

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