Wissen sie was sie tun Verhalten wird beeinflusst

Räume und Architektur verändern das Verhalten der Nutzer

Architekten wollen nur das Beste für ihre Auftraggeber und beachten in der Planung selbstverständlich auch psychologische Faktoren – man erinnert zumindest die wichtigsten Zusammenhänge, die im Architekturstudium vermittelt wurden. Unter Fachleuten gilt es als unstrittig, dass Architektur immer wirkt. Räume können das Wohlbefinden der Nutzer fördern oder sie können das Gegenteil bewirken. Räume beeinflussen das Fühlen und Denken und unseren Umgang miteinander. Die wenigsten Bauherren sind sich dessen bewusst. Sie ahnen nicht, welche Auswirkung ein schlechter Entwurf auf ihren Lebensalltag haben kann. Architektur-Psychologie ist ein Teil der Umweltpsychologie und erforscht, wie die „gebaute Umwelt“ auf den Menschen wirkt. Es gibt unzählige Einflußfaktoren! Beispielsweise sind kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen: In Mitteleuropa mögen die Menschen helle Räume mit Ausblick – in Südeuropa lebt man im Haus eher introvertiert. Das Innere des südeuropäischen Wohnhauses ist viel privater und intimer. Die Ursache läßt sich aus den klimatischen Verhältnissen (Sonneneinstrahlung / Temperatur) ableiten.

Architekturkritik war ein Impuls für Architektur-Psychologie als Wissenschaft

Wohnblock 60erErste Beachtung schenkte man der Architektur-Psychologie Anfang des 20. Jahrhunderts. In den 60er Jahren gab es dann, ausgelöst durch die Kritik an moderner Architektur, einen regelrechten Schub. Die Kritik am modernen Städtebau wuchs. Man beäugte die Entwicklungen in Trabantensiedlungen und die Folgen allzu massiver Verdichtung von Wohnraum und befragte Verhaltensforscher, Psychologen und Soziologen. So entstand ein wissenschaftliches Fundament. Dennoch sind praktizierende Architektur-Psychologen auch heute noch selten zu finden. Architektur-Psychologen sind nur beratend tätig und stehen nicht in Konkurrenz zu Architekten! Beratungsbedarf besteht überall und unter den Wissenschaftlern ist man sich einig, dass es im Sinne der Architektur-Psychologie kein ideales Gebäude geben kann: es gibt Bauwerke, die aus psychologischer Sicht besser oder schlechter sind.

Ist Architektur eine Frage der Wahrnehmung?

Wir werden uns der Wirkkraft von Architektur auf unsere Befindlichkeit nicht bzw. nur unterschwellig bewusst. Das Ausblenden von räumlichen Störquellen gaukelt uns einen reibungslosen Ablauf in der täglichen Beziehung zu unserer Behausung vor und beschleunigt die Anpassung daran. So bleiben die ursächlichen, baulich bedingten Quellen von Unbehagen, Dysfunktionen und Erschwernissen im sozialen Miteinander verdeckt.

Durch eigene Erfahrungen und individuelle Bedürfnisse nimmt jeder Mensch zudem anders wahr. Das gilt für Architektur ebenso, wie für Mode oder Kunst. Bei aller individuellen Unterschiedlichkeit lassen sich dennoch bestimmte Regeln statistisch verlässlich nachweisen. So entstehen die Experten-Empfehlungen der Architektur-Psychologen. Deren Umsetzung führt dazu, dass ein Raum positiver empfunden wird oder einfach besser nutzbar ist. Gebäude werden von Menschen genutzt und es ist nicht egal, für wen sie geplant und gebaut werden!

Das Bürokonzept für ein Düsseldorfer Startup muss völlig anders sein, als die Planung für ein Finanzamt in einer hessischen Kleinstadt. Bei einem Wohnhaus ist eine besonders kleine Zielgruppe betroffen, deren individuelle Bedürfnisse man nicht aus dem Durchschnitt ableiten kann und die man als Planer sehr genau erkunden sollte. Es darf daher bezweifelt werden, ob Familien mit massenhaft verkauften Grundissen des immer gleichen Typs wirklich gut beraten sind. Welche Folgen hat das für die Bewohner? Rauben die Häuder „von der Stange“ den Bewohnern die Individualität? Wenn die Plattenbauten im sozialistischen Deutschland psychologisch gleichschaltende Funktion hatten, was ist dann mit dem Reihenhaus TYP-LUZI vom deutschen Marktführer Albtraumhaus GmbH (Name frei erfunden)?

In der Praxis wird das umfangreiche Wissen über die psychologischen Zusammenhänge nicht genutzt. Beratung? Fehlanzeige! Die meisten Entscheidungen treffen – besonders private Bauherren – für sich selbst: „Psychologische Anforderungen? Haben wir keine. Wir fühlen uns wohl. Vielen Dank und gut, dass wir darüber gesprochen haben.“ Das riesige Potential bleibt ungenutzt: Achtzig Prozent bauen ihr Eigenheim ohne Architekten. Auch bei Bauträgern und Maklern sieht es in Sachen architekturpsychologischer Beratung mau aus. Hier zählt ausschließlich der Profit. Die Folge: Die meisten privaten Gebäude bleiben in Bezug auf positive psychologische Wirkung hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Bauen erzeugt immer Lebensräume

Entwerfen von Gebäuden bedeutet Gestalten von Lebensraum. Dieser Lebensraum sollte individuell auf den Bedarf der Nutzer ausgerichtet sein. Wenn das gelingt, entsteht beim Bewohnen mehr Zufriedenheit und im gewerblichen Umfeld mehr Erfolg. Im Umkehrschluss bedeutet es: Unangepasster Lebensraum schadet den Nutzern. Daher sollen gleich am Anfang alle Weichen richtig gestellt werden. Bedauerlicherweise haben es Architekten in der Vergangenheit nicht geschafft, ihr Können zu zeigen. Sie vermarkten ihr Know-how nicht und so nutzen andere Marktteilnehmer dieses Vakuum und verkaufen optimierte Wohnglück-Produkte: Reihenhäuser, Reihenendhäuser und freistehende Einfamilienhäuser mit „ausgefeilten Grundrissen“.

Es spricht nichts gegen Serienprodukte, wenn Bauherren vor dem Kauf umfänglich und unabhängig beraten wurden. In der Praxis ist das leider die Ausnahme. Reihenhäuser, Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen werden inzwischen verkauft wie Autos: Bauherren konfigurieren ihre Immobilien selbst. „Bauherren wissen heute nämlich sehr genau, was sie wollen“, gesteht der Verkaufsleiter eines Bauträgers im Interview. Ich meine: Kinder wissen oft auch sehr genau, was sie wollen: Lange aufbleiben, viel Smartphone gucken und Schokolade.

Unser Gespräch mit einem Bauträger

BM: „Warum ähneln sich die Grundrisse von Reihenhäusern so? Bauträger: „Wie meinen sie das? Dieses Layout hat sich bewehrt. Die Häuser verkaufen sich sehr gut.“ BM: „Dann haben ihre Bauherren also alle ähnliche Anforderungen?“ Bauträger: „Ja, unsere Kunden verfügen über ein festes Budget und möchten Wohneigentum erwerben…“ BM: „…ich meinte damit die individuellen Anforderungen wie: Gewohnheiten, familiäre und sonstige Zukunftspläne usw.. Beraten sie ihre Kunden vor dem Kaufvertrag? Manchmal ist z.B. ein kleineres Objekt besser als ein Reihenhaus?“ Bauträger: „Sorry, das hinterfragen wir nicht – wir verkaufen Häuser! Unsere Beratung beginnt, nachdem ein Kunde mit dem Kaufwunsch zu uns kommt. Wir bieten klar definierte Leistungen zu guten Konditionen an.“ BM: „OK. Ich möchte nochmal zurück zu meiner Ursprungsfrage: Jeder Bauherr befindet sich in einer individuellen Lebenssituation. Ich bin überzeugt, dass das auch eine sehr individuelle bauliche Antwort braucht. Wie lassen sich diese Anforderungen mit dem Reihenhaus TYP-LUZI umsetzen? Wie finden sie z.B. den optimalen Grundriss für den Bauherren? Glauben sie, dass Produkte von der Stange das leisten können?“ Bauträger: „Mit dem Ausdruck von der Stange kommen wir sehr gut klar. Die Grundrisse können, gegen Aufrechnung aller Minder- und Mehrkosten, individuell angepasst werden. Wir gehen dabei auf jeden Kundenwunsch ein. Die Kunden haben sich das genau überlegt. Wir prüfen, ob die Wünsche bautechnisch umsetzbar sind und hängen ein Preisschild dran. Ob der Wunsch nachhaltig richtig ist, werden wir im Zweifel nicht hinterfragen – der Kunde ist König. Natürlich sagen wir, wenn andere Kunden mit bestimmten Lösungen schlechte Erfahrungen gemacht haben.“ BM: „Vielen Dank für die offenen Worte.“

Gleiche Reihenhäuser – gleiches Verhalten

 

Zweckdienlich, Standard Reihenhauspraktisch und flächenoptimiert. Eigenschaften, die den Gebäuden von der Stange nachgesagt werden. Das sieht zum Beispiel so aus: Im Erdgeschoss kommt man ins Haus. Da links ist auch gleich die Garderobe und das Gäste-WC. Geradeaus gehts ins Wohnzimmer, die Küche gleich um die Ecke, damit Mutti/Papi es nicht so weit hat, wenn der Einkauf reingetragen wird. Weiter hinten gehts durchs Wohnzimmer auf die Terrasse und ab in den Garten. Auf dem Weg dorthin liegt gleich – wie praktisch – die Treppe ins Obergeschoss (mal offen, mal geschlossen). Im ersten Stock befinden sich Bad, Schlafzimmer und Kinderzimmer. Auf Wunsch gibt es in der Etage darüber den Dachraum mit der „Ausbauoption“ fürs Büro oder das häusliche Fitness-Studio. Dieses Konzept wurde schon zigtausend Fach gebaut. Ein echtes Erfolgsmodell! Der VW-Käfer unter den Wohnbehausungen. Die Frage ist erlaubt, ob ganau dieses Konzept für jeden passt. Wie kommen Größe und Proportion zustande? Kann dieser Grundrisstyp den vielen unterschiedlichen Lebenssituationen der Menschen gerecht werden?

Die geheimen Bedürfnisse der Nutzer eines Gebäudes

Jetzt wird es psychologisch: Architektur befriedigt Bedürfnisse des Bauherrn! Moment mal, warum schreibe ich immer „Bauherr“? Ab jetzt „Baufrau“. Also, die Bedürfnisse können einfach sein, z.B.: „Ich will eine Küche“ bedeutet in der Regel: Es soll gekocht werden. Manchmal steckt hinter den artikulierten Wünschen der Baufrau aber mehr. Beispielsweise, wenn die Baufrau sagt: „Ich will ein gelbes Dach“. Was kann das bedeuten?

Architekten gestalten, um Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist manchmal aufwendiger, als man zunächst meint, denn wir leben fast immer in Gemeinschaft mit anderen (z.B. Siedlung). Die Anderen haben ebenfalls Anforderung. Sie wünschen sich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sie wollen ein Teil einer Gemeinschaft sein. Gut, die meisten werden das so nicht „offiziell“ benennen, weil es etwas albern klingt, aber wir sollten uns vergegenwärtigen, dass dieses Bedürfnis ein sehr menschliches Bedürfnis ist. Hier findest du etwas zu menschlichen Bedürfnissen.

Ein gelbes Dach würde möglicherweis ein deutliches Zeichen dagegen setzten. „Schaut her, ihr Schabracken, ich bin etwas ganz besonderes! Ich bin gelb, weil meine Baufrau einen außergewöhnlichen Geschmack hat. Ich stehe für Individualismus, für Freiheit und Fröhlichkeit.“ So oder ähnlich könnte es doch sein, oder? Wie dem auch sei, es bleibt Aufgabe des Architekten, alle Bedürfnisse zu identifizieren und aufeinander abzustimmen. Und vielleicht ist das gelbe das auch genau die richtige Lösung.

Vielleicht ist es auch so, dass ein gutes Fertighaus-Modell nur das wichtigste Bedürfnis befriedigen muss: Das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit. Vielleicht muss es so sein, dass die restlichen, unbefriedigten Bedürfnissen der ökonomische Kollateralschaden ist und die Sonderwünsche nur ein Symptom baufraulicher Restbefriedigungsversuche.

Sind Wohnhäuser auch Zweckbauten

Oder ist ein Knast ein Wohngebäude? Kann man im Gefängnis wohnen oder nur sein? Anders als ein Wohnhaus gilt ein Gefängnis als Zweckbau. Was unterscheidet denn ein Gefängnis von einem Wohnhaus? Im Gefängnis leben Menschen. Das Gefängnis besteht aus einem Grundstück mit äußeren Schutzeinrichtungen und Wachtürmen. Innerhalb der Mauern befinden sich Gebäude, in denen Gefangene witterungsunabhängig untergebracht sind, ebenso das Wachpersonal und die Infrastruktur. Gefängnisse sind wirklich zweckmäßig. In einem Wohnhaus leben auch Menschen. Sie leben dort witterungsunabhängig. Im Wohnhaus befinden sich Räume für die unterschiedlichen Bedürfnisse. Auch Wohnhäuser bestehen aus baulichen Anlagen und sind oft von einem Zaun umschlossen. Wohnhäuser erfüllen im Grunde den gleichen Zweck und sind eigentlich auch Zweckbauten.  Aber wieso unterscheidet man dann in der Begrifflichkeit diese Immobilientypen? Es wird daran liegen, dass architektur-psychologisch alles gegen Menschlichkeit gerichtet ist: Zäune, Mauern, keine Aussicht, kleine Fenster (wenn überhaupt), wenig Rückzugsmöglichkeit, laute Flure, kaltes Licht usw. Ein Gefängnis ist nicht für, sondern gegen Menschen gebaut.Gefängnishof

Philosophische Sicht auf Behausungen

Architektur meint fast immer Behausung. Behausungen schaffen Räume, um Menschen das Bewohnen der Erde zu erleichtern. Behausungen ermöglichen es, das Menschen sich entfalten können. Deshalb sind auch Kraftwerke oder Fabriken Behausungen. Natürlich gilt das Wohnhaus als Inbegriff von Schutz und Geborgenheit gegenüber der feindlichen Außenwelt. Die Umfriedung soll den Eigenraum abgrenzen, der den Bewohnern Ruhe und Frieden sichern. Otto Friedrich Bollnow sieht Menschen in diesem Raum gar inkarniert – Bollnow betrachtet ein Haus als erweiterten Leib und Peter Sloterdijk weisst auf die Ambivalenz dieser Vorstellungen hin, wodurch nach Eintauchen in diese Vorstellung eine Raumversiegelung folgt und ein Haus zur Ignoranzmaschine werden kann. Einerseits sichert das Haus die nötige Stabilität für den Alltag ab, andererseits schließt es Störungen aus. Dieses Ausschließen fördert Routine und in deren Folge vor allem: Trivialität. Außerdem schlägt die Verfügungsmacht über eine Immobilie als Besitzstand gelegentlich in Herrschsucht um. Routine, Trivialität und Herrschsucht zerstören soziale Interaktion. Das hemmt Weiterentwicklung und schadet den zwischenmenschlichen Beziehungen. Zum guten Schluss versklaven sich dann die meisten privaten Immobilienbesitzer für den Rest ihres Lebens, denn ein großer Teil des Einkommens verschlingt die Finanzierung der Immobilie. Keiner will das wirklich, aber was ist die Alternative? Wohnen im Zelt?

Ich überlege mir etwas.